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Singende Sägen, stürmische Fahrt
Kulturgarage "Chanteurs à Voix" auf Reise mit Seemännern
Von Christina Ververis
Mit der Mischung aus schlagerähnlichem Kitsch, anspruchsvoller Musik und trivialem Text, entführten "Chanteurs à Voix" mit in das Seelenheil eines Seemannes. "Navy Cut" das sind sentimentale Geschichten von Seemännern, die das Publikum in der Kulturgarage begeisterten. "Werfen sie alles über Bord", fordert die Frau mit der hohen Frisur ihre Zuhörerinnen und Zuhörer auf, "die Erinnerungen, den Whiskey, die Kleider und sogar das Herz".Dann nimmt sie ihre Meute mit auf die weite, blaue See, durchlebt mit ihnen die Ruhe vor dem Sturm, und wenn das Meer steigt und das Schiff sinkt, tröstet sie mit der singenden Säge. Klare, helle Töne gibt das einzigartige Instrument von sich. Wenn Dorothea Schürch ihre Säge ohne Zacken biegt und mit dem Geigenbogen über die Kante streicht, jault diese auf und zieht einen wehleidigen Laut nach sich. Während Christoph Ganterts Tuba dem Rhythmus bestimmt, dringt aus Ben Jegers Akkordeon reine Melancholie. Traurig auch oft die Geschichten, welche die Vokalistin Schürch von den langen Reisen auf hoher See mitbrachte. Vor allem die Geschichte vom Mädchen aus London und dem Matrosen aus Chile, die sich ineinander verlieben, aber keiner den anderen versteht. Als dann doch noch das Mädchen Chilenisch zu sprechen beginnt und der Junge das Englische versteht, war es das Ende - das Lied und die Romanze. Etwas unvollendet und deshalb auch bedrückend und sogar ein Bisschen mysteriös kommt das Lied von einem gewissen "etwas" beim Publikum an. Was es wirklich ist, werden wir nie wissen. Auf jeden Fall ist es zu gross für etwas Kleines, zu fein für eine Blume aber weder Frau noch Mann. Regelrecht schreiend gibt Christoph Gantert seine Geschichte zum besten. Nervös an seiner Jacke herumzupfend, hat er das kleine aber dankbare Publikum sofort auf seiner Seite. Lauter Applaus und begeisterte Zwischenrufe, danken dem wortgewandten Bläser für seine Darbietung.
Wieso aber so viele traurige Lieder? "Wir sind halt melancholische Leute", meint der gebürtige Solothurner Ben Jeger. Nur Fröhliches würde nicht zu ihnen passen, es gehe ihnen um beide Pole. "Lieder", fügt Dorothea Schürch hinzu, "die einem ans Herz gehen, sind meistens melancholisch". Mit den zynischen Seemannsliedern wehren sich die von Heimweh geplagten mit aller Kraft gegen die Traurigkeit, die auf den langen Reisen aufkommen würde, erklärt Schürch. Ihre Frisur,übrigens, habe nichts mit dem Programm zu tun. Seit 15 Jahren frisiere sie sich so. Doch als rettende Boje könnte der hochgesteckte Turm vielleicht doch durchgehen.
© Solothurner Zeitung, 10.12.2001
Kulturgarage
Seemannskost von Ben Jeger
Von Claudia Lehmann
Der bekannte Solothurner Komponist Ben Jeger liebt die ungewöhnlichen Auftritte. Am Freitag überraschten die "Chanteurs à Voix" das Publikum in der Kulturgarage mit derben Seemannsliedern.
Dämmriges Licht. Auf der Bühne stehen ein Stuhl, zwei Notenständer und ein Koffer. Das Publikum an den Bistrotischen spricth mit gedämpfter Stimme. Zwei Männer und eine Frau treten auf die Bühne. Sie setzt sich auf den Stuhl und beginnt zu spielen; auf einer Säge. Die beiden Männer setzten mit Tuba und Akkordeon ein. Zu diesen schrägen und ungewohnten Tönen beginnt die Frau zu singen - über das Leid und Schicksal der Matrosen. Am Akkordeon spielt der bekannte Filmmusiker Ben Jeger, neben ihm Christoph Gantert an der Tuba und die Sängerin Dorothea Schürch. Zusammen sind sie "Les Chanteurs à Voix".
Rettungsversuch
Mit ihrer etwas seltsamen Konstellation von Instrumenten, geben sie alten Stücken und Texten (von Kurt Tucholsky über Hugo Wiener zu Hannes Eisler) eine neue Note. "Wir versuchen alte Chansons in unsere Zeit hinüberzuretten", sagte Dorothea Schürch. Instrumente und Stimme wechselten den Launen entsprechend: Mal hörte man einen schwermütigen Matrosen am Uferrand klagen, mal erhielt man einen Einblick in ein feuchtfröhliches Gelage an der Bar. Das Publikum wurde wie eine Schiffsbesatzung von der Windstille in eine wilde und stürmische See geworfen. Immer wieder löste sich die Spannung, wenn ein Lied mit einer unerwarteten Pointe endete. Auch der derbe Wortschatz der Seeleute wurde nicht vernachlässigt.
In die Rolle geschlüpft
Wer "Les Chanteurs à Voix" nur hört, verpasst die Hälfte. Das Trio schlüpft in die Rolle der Seeleute, so dass man den Geruch von Schnaps und Zigarrenrauch einer Seemannsspelunke beinahe riechen konnte. Mit theatralischer Mimik zog Dorothea Schürch das Publikum in ihren Bann und liess es über die bissigen und zweideutigen Texte schmunzeln. "Wir wollen unser Publikum die Zeit vergessen lassen", sagte der zurückhaltende Musiker Ben Jeger am Rand des Konzerts nur. Die Plätze in der Kulturgarage waren nicht voll besetzt. Trotzdem mussten "Les Chanteurs à Voix" drei Zugaben spielen.
Matrosensong
Na also, goodbye!
Hallo, jetzt fahren wir nach Birma herüber, Whiskey haben wir ja noch genügend dabei, und Zigarren rauchen wir Henry Clay. Na, da sind wir eben jetzt so frei.
Denn andere Zigarren, die rauchen wir nicht, und weiter wie Birma reicht dem Kasten der Rauch nicht, und einen lieben Gott, den brauchen wir nicht, und einen Anstand, den brauchen wir auch nicht. Na also, goodbye!
Und das Meer ist so blau, so blau - und das geht alles seinen Gang, und wenn die Chose aus ist, dann föngts von vorne an.
Halt du, das ist doch nur 'ne schwarze Wolkenwand, Mensch, und die Wellen, 's ist ja allerhand! Mensch, das verschlingt uns ja die ganze Firma. Ja, da sind wir glatt am Rand. Da wird ein Leben lang das Maul aufgerissen, und steht so was dann vor Gottes Thron, dann wird in die Hosen geschissen.
© Mittellandzeitung, 10.12.2001
Kurzkritik
Klingendes Seemannsgarn:
Chanteurs à Voix mit "Navy Cut"
Das Café Casablanca an der Langstrasse ist gewiss keine Hafenkneipe, weit und breit kein Meer, zu eng ist es in Aussersihl. Umso grösser vielleicht die Sehnsucht des kleinen wintermüden Publikums (das hier am Mittwoch abend so kommod an der Wärme sitzt) nach wogender Melodie und den Gezeiten der Emotionen. Gekommen ist man jedenfalls, um sich durch "Navy Cut", die Matrosenmusik von Chanteurs à Voix, wiegen und lullen zu lassen. Erst wird ab Band ein Rauschen, ein Meeresrauschen eingespielt, welches das Trio zu einem melancholischen Tango inspiriert. Der Trompeter Christoph Gantert pumpt den Rhythmus zunächst aus der Tuba, Ben Jeger breitet mir seinem Akkordeon traurige Harmonien aus, über denen die Sängerin Dorothea Schürch anfangs eine singende Säge in schauerlicher Sentimentalität vibrieren lässt. Anschliessend dann ein Wunschkonzert: auf den Tischen liegen Listen, die Gäste dürfen wählen zwischen den aufgeführten Titeln. Die Musiker schaukeln so zwischen deutschen Schlagern amerikanischen Standarts und italienischen Filmschnulzen hindurch. Schürch singt ohne Mikrophon, meist kann ihr kräftiger, kecker Alt den bald melancholischen, bald ironischen Phrasen der Trompete und den dichten Klängen des Akkordeons Paroli bieten. Problematisch ist das Zusammenspiel: die Rhythmik wackelt, arrangierte Passagen verunglücken meist. Die drei Profis strapazieren zwar den Charme des Dilettantismus, witzig ist ihr launiges, klingendes Seemannsgarn aber allemal.
© Tagesanzeiger, 07.01.2000
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