Leisetreter im Bilderrausch

Kapital killt Moral: Diese Weisheit legt Bertolt Brecht seinem Stück "Der gute Mensch von Sezuan" zu Grunde. Die Berner Regisseurin Meret Matter inszeniert die Parabel musikalisch dynamisch.

Von Noëmi Gradwohl

Diese Aufgabe ist selbst für Götter nicht leicht: Einen guten Menschen finden, damit die Welt so fortbestehen kann, wie sie ist. Und: Selbst Götter können resignieren. Bertolt Brecht schrieb in seinem vor 60 Jahren im Exil entstandenen Stück "Der gute Mensch von Sezuan" diese Parabel um das Gute im Menschen, das in einer verarmten Welt den Tücken der Wirtschaftlichkeit erliegt.

Verschämte Götter

Die Berner Regisseurin Meret Matter katapultiert die Götter in rosafarbenem Licht auf die Pfauenbühne des Schauspielhauses Zürich. Es sind verschüchterte, linkische, Götter - fein dargestellt von Karin Neuhäuser, Hanspeter Müller, Josef Ostendorf. Es sind Leisetreter der Moral. Noch bevor der Wasserverkäufer für sie ein Nachtlager gefunden hat, möchten sie sich am liebsten wegstehlen. Als sie die Prostituierte Shen Te (Yvon Jansen), den einzig guten Menschen in Sezuan, endlich treffen, sind sie begeistert. Nichts darf in der Folge dazu führen, dass diese Shen Te vielleicht doch nicht so gut ist. Und klar: sie kanns gar nicht sein. Sie erfindet ihren kapitalistischen Vetter Shui Ta, um die in dieser Welt geforderte nötige Härte aufzubringen. Das Sezuan des Bühnenbildners Serge Nyfeler ist ein übereinander geschachtelter Bretterverschlag, der ebenso gut die Kulisse zur West Side Story abgeben würde. Einige Fassaden lassen sich hochziehen, was einen Puppenhauseffekt erzeugt. Mit Livemusikern im Orchestergraben schafft Meret Matter einen assoziativen Bezug zu Brechts berühmter "Dreigroschenoper" - auch, weil sie die Akteure immer wieder Lieder singen lässt. Das Musikalisch-Verspielte ist denn auch die Stärke der Inszenierung. Immer wieder setzt Matter, die in der Saison 00/01 am Schauspielhaus bereits beim Projekt "Paradiesgärtli" Regie führte, die Musik als Motor der Handlung ein. Sie friert die Bewegungsabläufe ein, beschleunigt sie, hebt parallele Aktionen voneinander ab und lässt einen Redeschwall in Zeitlupe verstummen. Diesen Effekt variiert sie mehrmals, so dass er sich trotzdem nicht abnützt. Im Übrigen unterstreicht Matter das Plakative der Figuren. Sie wirken wie ausgestanzt aus einem Bilderbogen und zu einer farbigen Revue zusammengeklebt.

Zu viele Ideen

Weniger eingängig sind schauspielerische Kinkerlitzchen. Oft wird von den Schauspielern auf die Spielreaktionen darstellerisch noch einmal eines draufgesetzt. Hier verzettelt sich die Inszenierung, der Ideenreichtum findet keinen Schlusspunkt. Brechts Parabel, die auf eben dieser Pfauenbühne 1943 uraufgeführt wurde, lässt das Schlechte siegen in einer verrohten Welt. Der Dramatiker arbeitete hart an seinem Stück und erstellte mehrere Fassungen. Meret Matter wählt die pessimistischste von allen - und vielleicht die konsequenteste. Jene, in der der arbeitslose Flieger, der Shen Tes Liebe ausnützt, sich drogenabhängig in Shui Tas Opiumfabrik am Boden wälzt. Den guten Menschen gibts nicht mehr. Selbst da versuchen die Götter im Pfauen am Schauspielhaus Zürich ein Happyend: Sie verkleiden die schwangere Shen Te als Maria - um endlich im Nichts der Bühnentiefe verschwinden zu können. Ein wunderschöner Einfall.

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Eine bunte Welt schaffen

Meret Matter, Regisseurin

Zuerst war Bertolt Brecht für Meret Matter Musik. Diese erzählte den Kinderohren schauerliche Dinge, etwa von einem zahnbewehrten Haifisch und einem unsichtbaren Messer, das mit Vornamen Mackie hiess.

Später, in den 80er-Jahren, während Matters Ausbildung zur Schauspielerin am Berner Konservatorium für Musik und Theater, nahm der Name Brecht klare Konturen an: Er stand für ein explizit politisches Theaterverständnis und für das Primat der Moral. Beides sei insbesondere in den 90er-Jahren nicht mehr sehr gefragt gewesen. Die Geschichte hatte dem Kapitalismus irgendwie Recht gegeben und Brecht von den Spielplänen gefegt. Brecht, so hiess es, sei halt ein Kind seiner Zeit. Doch auch diese ist nur vorübergehend vergänglich: Die Sturzflüge an den Börsen sind wieder in den Schlagzeilen und Meldungen über Firmencrashs seit geraumer Zeit an der Tagesordnung. Den Zeichen der Krisen folgt die Wertedebatte jeweils auf dem Fuss. Und also kehrt Brecht zurück – ans Schauspielhaus Zürich, wo "Der gute Mensch von Sezuan" 1943 auch uraufgeführt worden war. Meret Matters Inszenierung von Brechts Parabel über den Widerspruch zwischen dem ökonomischen Imperativ zur Ausbeutung und moralischem Anspruch fokussiert stark auf die Hauptfigur Shen Te (Yvon Jansen), «eine der interessantesten Frauenfiguren auf der Bühne», wie Matter findet. Die mildtätige Prostituierte und die hart kalkulierende Kleinunternehmerin; die Ware und die Verkäuferin von Ware: Das ist Shen Te in einer Person. Ein zerrissenes Wesen, das nicht zugleich gut und wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Auch die Götter müssen vor diesem kapitalen Widerspruch kapitulieren. Natürlich nehme sie die ziemlich anachronistisch wirkenden didaktischen Elemente aus dem Stück zurück, sagt Matter. Stattdessen wolle sie die Erzählung über ihre bildhafte Qualität für sich wirken assen: eine "bunte Welt" schaffen, deren Milieus, deren Stimmungen wesentlich von der live gespielten Musik und "vom Panoptikum der Figuren" zum Leben erweckt werden sollen.

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